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Besinnung:

Lernen – und das in den „großen Ferien“

„Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“, so heißt ein aus der Bibel entlehntes Sprichwort. Aber manchmal ist halt nicht nur das Fleisch schwach, sondern auch der Geist. Den Eindruck hatte wohl ein Lehrer, als er kurz vor den Ferien zu seiner Klasse sagte: „Ihr seid so schlecht in Mathe, ich glaube, siebzig Prozent der Klasse fallen durch.“ Da meldete sich ein Schüler und meinte: „Das kann gar nicht sein. So viele sind wir ja gar nicht.“ Das, liebe Leserinnen und liebe Leser, zeigt, wie wichtig Lernen ist.

„Man lernt nie aus“, sagt der Volksmund. Und neulich habe ich gelesen, wie einer – mir eigentlich ganz einleuchtend – erklärt hat, dass Lernen mit Essen vergleichbar sei: So wie wir täglich neu essen müssen, um bei Kräften zu bleiben, so braucht auch unser Geist täglich Nahrung, um fit zu bleiben. Wenn wir nicht genug essen, werden wir schwach. Und wenn wir nicht beständig lernen, dann vergessen wir halt auch wieder viel und werden träge.

Aber warum sollen wir lernen? Nicht für die Schule, sondern fürs Leben, haben wir gehört. Im richtigen Leben schreibt man keine Klassenarbeiten mehr, aber Prüfungen gibt es trotzdem genug. Wir werden geprüft, wie wir in der Ehe miteinander umgehen, wie wir unsere Kinder erziehen, wie sorgfältig wir unsere beruflichen Pflichten wahrnehmen, wie wir mit Nachbarn, Arbeitskollegen und Verwandten klarkommen. Wir werden geprüft, wie wir Krankheiten und Krisen bestehen. Und immer muss man neu lernen, sich in solchen Situationen zu bewähren. Es kommt auch vor, dass man solche Prüfungen nicht besteht, manche fallen auch durch. Und auch das muss gelernt werden. Unser Wissen, unsere Fähigkeiten, unsere Kräfte haben Grenzen. Manche lernen das nur schwer. Manche gar nicht. Dann wird’s gefährlich, wenn Menschen ihre Grenzen nicht mehr kennen und nicht mehr wissen, wann für sie genug ist.

Was hat das alles aber mit dem christlichen Glauben zu tun? Lernen hat für Christen aller Konfessionen immer auch eine religiöse Dimension. Lernen heißt ja, sein Leben verstehen wollen, mit dem Leben klarkommen. Wer lernend durchs Leben geht, der lernt auch die wahrscheinlich schwierigste Lektion, nämlich dass man sich die ganz wichtigen Dinge im Leben eigentlich gar nicht selber aneignen kann. Liebe, Glück, Vertrauen, Hoffnung – eben alles, was unser Leben erst sinnvoll macht, all das kann man sich nicht aneignen wie eine Technik oder wie das Einmaleins. Das Wesentliche im Leben ist Geschenk. Wir können nicht darüber verfügen. Glauben heißt für Christen deshalb: Lernen, sich von Gott beschenken zu lassen, lernen, dass alle Liebe, jeder Kuss, jedes freundliche Wort nie selbstverständlich ist.

So sind Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen zusammen lernend unterwegs. Wir lernen glauben, dass es eine Verbindung gibt zwischen Himmel und Erde, zwischen Gottes Geist und unserem Geist. Wir lernen glauben, dass unser Leben nie nur in dem aufgeht, was wir sehen und begreifen. Denn in uns ist etwas, das über uns hinausweist. In uns ist Gottes Geist, der uns das rechte Verstehen lehrt. „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief Kapitel 3 Vers 16. Im Geist Gottes leben, das kann man schon lernen. Und trainieren kann man das auch, denn das heißt: Lernen, offen zu sein, offen zu sein für die Geheimnisse und Wunder dieser Welt, wieder staunen lernen, wieder danken lernen für alles, was mir hier und jetzt geschenkt wird. Die „großen Ferien“ sind dafür vielleicht eine ganz gute Gelegenheit.

Eine gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Siegfried Schwenzer

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