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Predigt und Gebet am Gründonnerstag, 09. April 2020,

zu 2. Mose 12,1-4.6-8.10-14 von Vikar Christopher Zeyher

1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. 3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. 4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. […] 6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. 7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, 8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. […] 10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen. 11 So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. 12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR. 13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. 14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Liebe Gemeinde!

Welche Stimmungen entstehen bei Ihnen, wenn Sie diesen Text aus dem 2. Buch Mose auf sich wirken lassen? Diesen alten Text, der von der Einsetzung des Passamahles handelt, dem Erinnerungsmahl, das als Familienfest in Kontinuität von den Anfängen des Volkes Israel bis ins heutige Judentum steht. Der von einer Nacht handelt, die sich in einer besonderen Weise von allen anderen Nächten unterscheidet. Bis heute wird am Passafest in den jüdischen Familien vom jüngsten Familienmitglied die ritualisierte Frage gestellt: „Was unterscheidet diese Nacht von den anderen Nächten?“ Und dann geht es darum, den Speicher an Erinnerungen von Generationen immer wieder neu gemeinsam zu aktualisieren. In dem Text über diese besonders ausgezeichnete Nacht werden Stimmungen transportiert. Welche Stimmungen sind es, die diese besondere Nacht auszeichnen? Ich spüre zwei: Angst und Hoffnung. Angst vor der martialischen Ankündigung Gottes, Angst vor dem, was das Leben und die Familie gefährden könnte. Angst davor, die Lebensgrundlage zu verlieren. Und Hoffnung. Hoffnung auf das rettende Handeln Gottes, Hoffnung auf Schutz vor dem, was die eigene Existenz bedroht, vor dem, was Angst macht. Hoffnung auf den Frieden Gottes und Gerechtigkeit in Zeiten der Angst.

Was verbinden diese Stimmungen dieser besonderen Nacht des Passafestes, welche sich Menschen bis heute jedes Jahr in feierlichem Gedenken vor Augen führen, mit Gründonnerstag, dem Tag der Einsetzung des Abendmahls, der in der Tradition des Passamahls steht? Führen wir uns die Stimmungen der Nacht des letzten Mahles Jesu mit seinen Jüngern einmal vor Augen, wie sie im heutigen Evangeliumstext Mt 26,17-30 erzählt wird: Es ist die eine Nacht, ein paar Stunden bevor Jesus dahingegeben, abtransportiert und gefangengenommen wird. Jesus sitzt mit seinen Jüngern am Mahl-Tisch und eröffnet ihnen, dass einer von ihnen ihn verraten werde. Und dass er bald nicht mehr unter ihnen sein werde. Da spüre ich auch Angst. Die Angst der Jünger davor, derjenige zu sein, der Jesus  dahingibt. Angst davor, nun mehr ohne Jesus zu sein. Wie wird wohl die Zukunft sein, wird der eine denken? Der andere denkt, was mit ihm wohl geschehen werde, jetzt, wo er es war, der Jesus verraten hatte? Und Hoffnung. Hoffnung, dass es mit diesem Mann, den sie begleitet haben und der so viel Wunderbares vollbrachte und der so viel Menschen in seinen Bann zog, nicht vorbei sein würde. Dass er seinen Widersachern etwas entgegensetzen würde. Wer, wenn nicht er?

 Diese Stimmungen, die in diesen beiden so berühmten Texten auftauchen, sind gar nicht so weit entfernt von Situationen in dieser Zeit und in den letzten Wochen bei uns: Da ist derjenige, der sich aufgrund seines hohen Alters und seiner Vorerkrankungen immer mehr Sorgen um seine Gesundheit macht und nun Angst davor hat, überhaupt das Haus zu verlassen. Da ist diejenige, die angesichts der Kurzarbeit und des Lock-Downs der Wirtschaft Angst um ihren Job hat, von dem eine gesicherte Zukunft und das Wohl der Familie abhängt. Da ist die Familie, in deren Mitte sich in diesen Zeiten der Enge in den eigenen vier Wänden die Konflikte untereinander immer mehr häufen. In der sich ein Engegefühl einstellt, das kaum mehr zu ignorieren ist. Engegefühl – das lateinische Wort für Enge heißt im Übrigen angustus, mit dem unser Wort Angst verwandt ist. Nicht oft, aber ab und zu ist auch ein kleiner Hoffnungsschimmer in dieser Zeit zu spüren. Da ist die Nachricht darüber, dass zumindest in Deutschland die ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nun Wirkung zeigen. Da ist die Meldung, dass in schwer betroffenen Ländern nun die Sterberate sinkt.

Auch unsere momentane Situation verbindet sich also mit diesen beiden Texten, die jeweils jahrtausendelange Erinnerungen stifteten. Die von zwei Nächten erzählen, in denen die Menschen voller Angst, aber auch voller Hoffnung waren. Wenn man sich die eben beschriebene eigene Situation mit ihren Ängsten, ihrer Bangigkeit vor Augen führt, kann man die Stimmungen der Texte noch einmal intensiver nachspüren. Wenn man jenen angstvollen Gedanken, die uns momentan umtreiben, einmal freies Spiel lässt, sich mit den Ängsten der Menschen in den Erzählungen der Passanacht und der Nacht des letzten Mahles verbindet; dann kann man sich fast hineinversetzen in die angstvolle Situation in den durch Blut geschützten Häusern der Israeliten, aber auch in den beängstigten Gemütern der Jünger in der Tischgemeinschaft mit Jesus. Man kann in diesen Tagen plötzlich sehr gut verstehen, wie es sich anfühlen kann, wenn man richtige Angst bekommt. Angst vor der Gefährdung des eigenen Lebens, Angst vor der Zukunft…

Die Geschichten eröffnen uns beim Lesen einen Raum, in dem wir mit unserem eigenen Leben mit seinen Ängsten und Sorgen Platz finden. Den wir mit unseren eigenen momentanen Engegefühlen betreten können, den wir gerade besser betreten können, als je zuvor. Weil wir auch Ängste mit uns tragen, die wir vorher vielleicht gar nicht kannten. Aber in diesem Raum der Geschichten ist nicht nur Angst, dieser Raum – so haben wir es beim Lesen erspürt - ist gleichzeitig voller Hoffnung. Mehr als ein kleiner Hoffnungsschimmer über sinkende Sterberaten, abflachende Infektionskurven. In diesen Texten wird vielmehr Gott selbst erinnert, Gottes Kraft in der Geschichte mit seinem Volk, sein rettendes Handeln in Situationen der Angst und der Sorge. Sein Drang danach, mit uns Gemeinschaft zu haben, auch in Zeiten, die viel Geduld und Gutglauben verlangen. Diese Texte erinnern das jahrtausendealte Vertrauen, dass Gott aus der Angst rettet, aus der Enge befreit, uns auf weiten Raum stellt, der jedem Engegefühl trotzt. „Freiheit beginnt, wenn wir Gott vertrau´n, er stellt uns auf weiten Raum.“, heißt es in einem bekannten Lied aus unserem neuen Liederbuch „neue Lieder plus“…

In unserem Predigttext ist im letzten Vers davon die Rede, dass die dort beschriebenen Regelungen zum Passah eine ewige Ordnung darstellen. Das Wort ewig zeugt von Bestand, von Zukunft: Das was Angst macht, hat nicht das letzte Wort, ein Blick in die Zukunft ist hier zu spüren, in Bezug auf den heutigen Gründonnerstag kann man von einem Blick auf Ostern sprechen. Hoffnung gegen die Angst ist in diesem Raum, Zukunft über die Angst um das Leben hinaus. Gott sitzt mit am Tisch – so hören wir in der Geschichte vom letzten Mahl, er will mit uns Gemeinschaft, ewige Gemeinschaft, auch wenn er nicht in der Weise mit uns am Tisch sitzt, wie wir uns es manchmal wünschten. Aber er ist in Brot und Wein und in der Gemeinschaft unter uns, das sagt er uns zu. Darauf vertrauen wir, daran glauben wir, darauf hoffen wir, gegen jeden Zweifel.

Wenn wir dieses Zeichen der ewigen Gemeinschaft mit Gott und Christus im Abendmahl heute schon nicht miteinander in unseren Kirchen feiern können, so lassen wir uns in jenen Raum mit hineinnehmen, den unser Text für uns heute öffnet. Und richten wir uns dort nicht nur mit unseren Ängsten ein. Legen wir nicht nur unsere Ängste dazu, von denen wir alle genug haben. Nein, wir lassen uns nicht einengen. Nein, wir wollen uns von diesen Texten auch hineinnehmen lassen in jenen Raum, in dem auch Hoffnung ist. Lassen Sie uns von diesen jahrhundertealten Texten der Hoffnung eigene Hoffnung für unsere Situation momentan neu schöpfen. Neue Zuversicht gewinnen, uns von der Hoffnung in den Texten anstecken lassen, die voller Vertrauen darauf ist, dass Gott der Macht der Angst nicht das letzte Wort überlässt. Dass Gott auch heute mit am Tisch sitzt, auch wenn wir momentan angesichts des großen Leids auf der Welt umso mehr nach ihm fragen. Dass Gott uns nicht unseren Ängsten preisgibt, dass er es ist, der es zu einem guten Ende führen wird. Lassen Sie uns unseren Blick, der mit dem heutigen Gründonnerstag in die höchste Festzeit der Christenheit mündet, die in diesem Jahr doch so anders sein wird, neu schärfen: Auf Ostern hin, wo alle Angst besiegt wurde, voller Vertrauen darauf, dass Gott uns nahe sein will und uns begleitet. In der Angst und in der Hoffnung, am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Amen.

Gebet:

Guter Gott,

wir hören heute am Gründonnerstag von jahrhundertealter Angst und jahrhundertealter Hoffnung. Unsere eigene Angst und unsere eigene Hoffnung haben Platz darin. Hilf uns, dass wir ihnen Raum geben können, dass wir zu unseren Ängsten stehen, aber dass wir uns auch nicht einengen lassen von ihnen. Lass uns Deinen weiten Raum spüren, auf den Du uns stellst, an dem wir neue Hoffnung schöpfen können.

Zeig uns zu verstehen, warum so viel Krankheit über unsere Welt hereinbricht und stärke unser Vertrauen darauf, dass Du größer bist als unser Verstehen, dass Du trotz allem mit an unserem Tisch sitzt.

Lass uns in diesen Tagen diejenigen nicht vergessen, die einsam sind und die große Sorgen vor der kommenden Zeit haben. Schenke uns ein offenes Ohr für sie und eine Möglichkeit, denen in diesen Tagen zu helfen, die Hilfe benötigen.

Gott, sei uns nahe und führ uns alle auf dem Weg auf Ostern zu, voller Hoffnung gegen alle Angst in diesen Tagen, voller Vertrauen auf Dich.

Amen.

Liedvorschläge:

  • EG 228, 1-3 (Er ist das Brot, er ist der Wein)
  • NL plus 29 (Du stellst meine Füße auf weiten Raum)
  • NL plus 137, 1+3 (Finden wir Verschiedenen zusammen)

EG 787.2 (Bleibet hier und wachet mit mir)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht kennen Sie ja jemanden in Ihrer Nachbarschaft, der keinen Zugang zu unserer Homepage und damit zu den Andachten hat?

Am Ende von diesem Text wird die Andacht als PDF-Link zum Download angeboten, mit dem man die Andachten dann ausdrucken kann.

Falls es Ihnen möglich ist, überlegen Sie doch, ob Sie nicht ein Exemplar ein paar Häuser weiter einwerfen.

Vielleicht ist gerade dort eine Andacht in diesen Tagen gut aufgehoben…

Ihre Evang. Kirchengemeinde Heslach

Andacht als PDF herunterladen bitte hier klicken

 

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